40 Jahre Natural Bodybuilding

Ein persönlicher Rückblick

von
Berend Breitenstein

1977 – das Jahr, in dem mein Leben als Natural Bodybuilder begann. Damals, mit 13 Jahren, wusste ich noch nicht, dass ich die folgenden Jahrzehnte meines zukünftigen Lebens dem Natural Bodybuilding verschreiben würde. Aber meine innere Stimme sagte mir, dass ich meine Bestimmung im Leben gefunden hatte. Ich habe es bis heute niemals bereut, mich vor 40 Jahren für das Natural Bodybuilding entschieden zu haben. Und das nicht nur aus dem sportlichem Blickwinkel betrachtet, sondern vielmehr auch unter dem Aspekt, dass ich schon sehr früh in meinem Leben die Art und Weise für mich gefunden hatte, wie ich mein Dasein auf Erden verbringen möchte.

Motiviert durch die muskulös gezeichneten Körper in den von mir hundertfach gelesenen „Batman“-, „Spider-Man“- und anderer „Superhelden“-Comics, beschloss ich im Alter von 13 Jahren, einen Body zu entwickeln, der sich optisch möglichst weit an den Körperbau meiner gemalten Vorbilder angleichen sollte.

Also machte ich jeden Tag Liegestütz, Sit-ups und Klimmzüge (an einer im Türrahmen meines Kinderzimmers befestigten Klimmzugstange). Mit 14 Jahren schenkten meine Eltern mir eine verstellbare Hantelbank, eine Langhantel sowie zwei Kurzhanteln und die dazugehörigen Gewichtsscheiben. Ich trainierte jeden Tag in meinem kleinen Zimmer, aber schon bald genügten mir diese Trainingsmöglichkeiten nicht mehr.

Eines Tages erblickte ich an einem Bahnhofskiosk mein erstes „Athletik-Sportjournal“, ein damals sehr populäres Bodybuilding-Magazin. Ich kaufte dieses und wusste fortan, dass ich mein Training möglichst schnell in einem echten Bodybuilding-Studio fortsetzen wollte und musste, um die von mir angestrebten Fortschritte in der Körperentwicklung realisieren zu können.

Allerdings war es aufgrund meines Alters nicht einfach, ein Studio zu finden, das einem pubertierenden Jüngling die Mitgliedschaft erlaubte. Etwa ein halbes Jahr später wurden mein Vater und ich endlich fündig und ich durfte ich in einem professionell ausgestatteten Bodybuilding-Studio in meiner Heimatstadt Hamburg trainieren.

Ich erinnere mich noch genau an das unbeschreiblich schöne Gefühl der Vorfreude auf das Training, als ich mich mit Bus und Bahn auf die einstündige Hinfahrt zum GYM machte. In den 70er-Jahren gab es in Hamburg noch keine 24-Stunden-Studios, so wie sie heute so zahlreich vertreten sind. „Mein“ Studio öffnete um 10 Uhr morgens, und ich konnte es kaum erwarten, bis sich die Pforten meines „Muskel-Paradieses“ öffneten.

Durch das Lesen von zahlreichen Bodybuilding-Magazinen und Fachbüchern zu den Themen Physiologie, Ernährung und Psychologie beschäftigte ich mich auch theoretisch intensiv mit dem Training, mit der Lebensmittelauswahl für den Muskelaufbau und den Fettabbau und der geistigen Komponente für erfolgreiches Natural Bodybuilding. Jeden Tag spürte ich, wie gut mir die Übungen am Eisen nicht nur körperlich, sondern auch geistig taten. Meine Muskeln wurden stärker und entwickelten sich deutlich sichtbar. Ich konnte mich gut auf den Lehrstoff in der Schule, später in der Lehre und anschließend im Studium konzentrieren.

Für mich war und ist Natural Bodybuilding kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Muskeln sind klasse! Aber viel wichtiger als ein muskulöser Body sind ein gesunder Körper und ein gesunder Geist. Diese Einstellung zum Muskelaufbau hatte ich von Beginn an meines Trainings.

Ich denke, dass diese Denkweise für mich entscheidend dafür war und ist, niemals Dopingmittel wie Anabolika, Wachstumshormone, Aufputschmittel und andere verbotene Substanzen zu verwenden.

Die potenziellen Gesundheitsrisiken, welche durch die Einnahme solcher Präparate bestehen, stehen im eklatanten Widerspruch zum richtig verstandenen gesunden und dopingfreien Bodybuilding. Doping ergibt für mich einfach keinen Sinn.

Heute, 40 Jahre später, schreiben wir das Jahr 2017. Natural Bodybuilding ist immer noch meine große Passion, eine wesentliche Grundlage meines Daseins. Diese Art zu leben, hat mir unzählige schöne, intensive Momente geschenkt. Die gelebte Disziplin im Training und in der Ernährung konnte ich auch gut auf andere Lebensbereiche übertragen, beispielsweise auf meine berufliche Laufbahn und auf mein Privatleben.

Natürlich traten auch Hindernisse, Enttäuschungen und das gelegentliche Abkommen vom für mich „richtigen“ Weg auf, aber das Durchhaltevermögen und die geistige Stärke, welche mir durch Natural Bodybuilding zugutekamen, erwiesen sich in der Überwindung von schwierigen Lebenssituationen als sehr hilfreich, ja vielleicht sogar als absolut essenziell zur Überwindung dieser Krisen. Rückblickend ergibt alles seinen Sinn. Krisen sind wichtig. Durch Momente, in denen scheinbar nichts mehr geht, erfahren wir mehr über uns und lernen uns selbst besser kennen. Durch das Überwinden solcher „schwarzen Löcher“ werden wir innerlich stärker und können unsere Wertvorstellungen im Leben genauer definieren.

Diese Wertvorstellungen muss jeder für sich selbst bestimmen. Was zählt wirklich im Leben? Ein eigenes Haus, ein teures Auto, kostspielige Kleidung oder andere materielle Dinge? Nun, ich habe nichts gegen Geld verdienen, aber ich bin niemand, der dem „schnöden Mammon“ sklavisch unterliegt und nach immer mehr Geld strebt und dabei in Kauf nimmt, dass Körper und Geist auf der Strecke bleiben. Einer meiner Coaching-Klienten sagte einmal zu mir: „Die meisten Menschen gehen mit ihrem Körper so um, als hätten sie einen zweiten in der Schublade liegen.“ Die Lebensgefährtin eines anderen Klienten ist Ärztin und war eine Zeit lang in der Gesundheitsvorsorge in diversen Unternehmen für das gehobene Management tätig. Unvergessen ist mir ihre Aussage: „Es ist erschreckend, in welcher schlechten körperlichen Verfassung sich meine Patienten häufig unter ihren schön geschnittenen Maßanzügen präsentieren.“ Und eine Ex-Partnerin sagte mir vor gar nicht allzu langer Zeit: „Schatz, Du kannst auch auf einer Bananenkiste glücklich werden, aber mein Lebensziel ist der Bau eines eigenen Hauses.“

Nun, ob ich wirklich so enthaltsam gegenüber materiellen Dingen bin, kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit unterschreiben. Wirtschaftlicher Erfolg ist für mein Empfinden nichts Negatives, und ich denke, dass die Disziplin, welche Natural Bodybuilder im Training und in der Ernährung erlernen, sich als durchaus positiv erweisen kann, wenn es um die Realisierung von beruflichem Erfolg und finanziellem Wohlstand geht. Für mich persönlich stehen hierbei aber die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und der Schutz der eigenen Gesundheit immer an erster Stelle.

Eines aber ist für mich in Stein gemeißelt: Solange ich kann, werde ich weiterhin regelmäßig 3- bis 4-mal in der Woche frühmorgens ab ca. 06:30 Uhr im GYM sein und das unbeschreiblich schöne, intensive Gefühl des „Early-Bird“-Trainings auf nüchternen Magen genießen. Das GYM, in dem ich mich wohlfühle, ist eine wesentliche geistige und körperliche Kraftquelle für mich.

Natürlich lässt sich die Zeit nicht aufhalten. Nach 40 Jahren intensivem Training erfordert meine Übungsauswahl durchaus die eine oder andere Anpassung. So mache ich beispielsweise keine tiefen Langhantel-Kniebeugen mehr, da diese meinem unteren Rückenbereich nicht gut bekommen.

Dieses Vorgehen empfiehlt sich grundsätzlich für jeden Athleten: genau auf die körperlichen Signale zu hören und anschließend die entsprechenden Anpassungen hinsichtlich der Übungsauswahl, der Trainingsintensität und der Trainingshäufigkeit vorzunehmen. Train hard – train smart!

Gleiches gilt für die Ernährung. Die Fähigkeit, die Rückmeldung des Körpers auf unterschiedliche Trainings- und Ernährungsansätze richtig zu deuten, wird auch als „somatische Intelligenz“ bezeichnet und findet ihre Umsetzung im Natural Bodybuilding im „Instinktivprinzip“. Aufgrund der existierenden interindividuellen physiologischen (Stichwort „Körpertypen“) und mentalen (Stichwort „Resilienz“) Unterschiede gibt es gibt keine allgemeingültige Trainings- oder Ernährungsform, die für alle Athleten gleichermaßen zu besten Ergebnissen im Muskelaufbau oder Fettabbau führt.

Meine heutige persönliche körperliche Zielsetzung ist der möglichst lange Erhalt und im Idealfall der weitere Aufbau von kraftvoller, kompakter Muskelmasse sowie die Bewahrung eines gesunden und leistungsfähigen Herz-Kreislauf-Systems und von geschmeidiger, dehnfähiger Muskulatur.

Meine wichtigste persönliche Erfahrung aus 40 Jahren als Natural Bodybuilder ist, dass der Natural-Bodybuilding-Lifestyle großartige Auswirkungen zeigt, und zwar nicht nur bezüglich der körperlichen Komponente, sondern auch hinsichtlich der inneren Einstellung und der Wertschätzung des Lebens im Allgemeinen. Natural Bodybuilding ist kein Allheilmittel. Aber die Umsetzung dieses Lebensstils zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Effekte bezüglich der Vermeidung körperlicher und geistiger Erkrankungen und auf die Verbesserung bereits existierender Krankheitsbilder wie beispielsweise Diabetes Typ 2 (Altersdiabetes), Bluthochdruck oder Burn-out, die häufig als Folge von Bewegungsmangel, Fehlernährung oder psychischer Überlastung entstanden sind.

25 Jahre nach meiner ersten ambitionierten frühmorgendlichen Trainingsphase im Winter 1992 gilt für mich weiterhin der Entschluss, den ich damals gefasst hatte: Nehmen wir einmal an, jemand legt mir 1 Million Euro auf den Tisch und sagt: „Nimm das Geld, aber du darfst niemals wieder frühmorgens trainieren. Zu anderen Tageszeiten schon, aber nicht mehr in aller Frühe.“ Ich würde dankend ablehnen. Können Sie das verstehen?

Mit herzlichen Grüßen
und besten Wünschen für Ihr Training,

Berend Breitenstein
im Februar 2017